Das Ende vom Anfang

Ein Jahr Online-Gesangsschule und die Folgen

Im September 2017 finden sich 40 Menschen auf Facebook zusammen. Wir kennen uns nicht. Doch uns verbindet ein gemeinsames Ziel: Wir wollen das Singen lernen. Singen ohne Angst. Fawn Arnold, gestandene Musicaldarstellerin aus Stuttgart (ursprünglich Texas, Yee-Haw!), ist unsere Lehrerin. Sie probiert mit und an uns erstmals ein ganz neues Konzept: einen 12-monatigen Kurs in der Gruppe, über Social Media, nach ihrer eigenen Methode. Sie unterrichtet per Video, wir bekommen Audio-Übungen mit Anleitung zum Nachsingen, filmen uns dabei und laden diese Hausaufgaben anschließend hoch. Sie korrigiert, wir lernen voneinander. So zumindest ist der Plan…

„Poste noch einmal!“

Herbst 2017. Die Schreibarbeit des Tages ist vorbei. Ich habe meine Kunden glücklich gemacht. Nun kommt Stimmarbeit, und ich tue etwas für mich. Ich stehe also zuhause vor dem Laptop und probiere wohl nun schon zum gefühlt 100. Mal, mir das hohe C durch die Nase zu schieben - da, wo die Stimme hin soll. Es kribbelt. Ein gutes Zeichen. Allerdings klingt es ziemlich bescheiden. Aber da muss ich jetzt durch und sage mir: „Immerhin triffst du ein hohes C!“ Davon konnte nämlich vor nicht allzu langer Zeit noch keine Rede sein.

Mittlerweile hat sich in der „Singen ohne Angst Online Gesangsschule“ – kurz SOAOGS – ein harter Kern von gut 15 Leuten herauskristallisiert, die die anfängliche Scheu überwunden haben und nun regelmäßig ihre Aufgaben posten. Es macht Mut, zu sehen, dass auch andere mit dem hohen C hadern oder mit diesen für mich unfassbar schweren Staccato-Liptrills… Wieder andere kriegen es ganz gut hin und als ich begreife, woran das liegt, platzt bei mir ein Knoten. Ich probiere es erneut. Und siehe da… HUZZAAAAHH!

„Show me your Funky Chinese Chicken!“

Wir wachsen enger zusammen. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Schließlich ziehen wir uns alle regelmäßig so um die 15 verschiedene Versionen von Hexenlachen, Entenquaken, Babyschreien oder dem berühmt-berüchtigten ‚Funky Chinese Chicken‘ rein, um unserem Stimmsitz auf die Sprünge zu helfen. Im Video präsentieren wir uns auch mal ungeschminkt, im Schlabberpulli oder Hausanzug, denn wir sind ja unter uns.

Blog Storytelling Text Christine Piontek Kommentar zur Übung im Onezie bei der Online-Gesangsschule SOAOGS von Fawn Arnold

Im Strampler singt es sich besonders bequem

Wir lachen, leiden und lernen miteinander. Wir stoßen an unsere Grenzen, aber wann immer wir denken: „Das war’s, aus dem Tief komme ich nie wieder raus!“, sind da andere, die uns sagen: „Verzweifele nicht! Das hatte ich auch schon…“ Oder „Was hast du denn, das machst du doch gut?!!“ Eigen- und Fremdwahrnehmung gehen ja gerade beim Singen oft auseinander… Aber immer gibt es konstruktive Kritik, Tipps oder eine „virtuelle Umarmung“ und da ist dieses Gefühl, einfach gut aufgehoben zu sein.

Blog Storytelling Text Christine Piontek Kommentar Online-Gesangsschule SOAOGS Fawn Arnold

An dem Tag, als ich von der schweren Krebserkrankung eines Freundes erfuhr...

„Happy Übing!“

Fawn ist unser Anker. Sie ist weit mehr als eine gute Lehrerin, die geduldig jeden einzelnen nach seinen individuellen Bedürfnissen betreut und damit all diejenigen Lügen straft, die behaupten, eine Gesangsschule könne online nicht funktionieren. Fawn motiviert und hält uns bei der Stange. Jede Stunde endet sie mit einem herzlichen „Happy Übing!“. Als sie merkt, dass wir uns immer wieder auf das Negative fokussieren, zu sehr an Profis messen und frustriert sind, wenn eine Übung nicht gelingt, lässt sie uns positive Glaubenssätze in die Kamera sprechen, die uns helfen sollen, unsere Einzigartigkeit zu erkennen. Später erzählen wir frei, was uns glücklich macht und bekommen dadurch nicht nur Energie, sondern erfahren auch, was die anderen gerade bewegt.

Gesangslehrering Fawn Arnold mit ihrem Hund Slash im Blog von Christine Piontek Online-Gesangsschule Text Storytelling

Fawn Arnold mit ihrer kleinen Slash. Foto: privat

Fawn mit ihrer positiven Ausstrahlung, ihrem herzlichen Lachen, ihren Hunden, ihrem Faible für Schweine und alles, was pink ist, lehrt uns, uns so anzunehmen, wie wir sind. Denn sie tut es auch und zeigt uns, dass sie an uns glaubt. Sie macht uns klar, wie wichtig es ist, nicht mehr zu wollen, als die Stimme uns in dem Moment geben kann, weil der Körper nicht bereit ist. Noch nicht! Aber das kommt! Vieles ist auch Tagesform. Auf einen Rückschritt kommen zwei Fortschritte. Und weil Fawn so gut erklären kann und immer die passende Übung parat hat, werden wir zusehends besser – und sind ganz baff, was da vor unseren Augen und Ohren mit unseren Stimmen passiert.

Nach und nach lernen wir, richtig zu atmen und den Ton zu stützen. Wir erfahren mehr über den Stimmsitz und darüber, wie wir mit der Aussprache unseren Klang verbessern können. Wir wissen nun, was die Brust-, Mittel- und Kopfstimme ist und vor allem, wie wir sie gesund einsetzen, damit wir nicht heiser werden und uns die Stimmbänder ruinieren. Technische Feinheiten, Beltgesang und das Singen mit Emotion – das alles und noch mehr rundet den Lehrplan ab.

„DU HAST BESTANDEN, YAY!“

Dass wir den vielen Input auch verinnerlicht und darüber zu unserer eigenen, einzigartigen und unmanipulierten Stimme gefunden haben, beweisen wir in unseren Abschlussvideos, die wir im Sommer 2018 zur Prüfung einreichen. Jeder hat zwei Stücke zu bearbeiten: Das Lied „So wie du bist“ hat Susanne aus dem Kurs geschrieben – unsere eigene Hymne zum Mutmachen! Jeder singt seine Version ein und obendrein noch einen Song seiner Wahl. Für mich ist es „Magnificent (She Says)“ von Elbow.

Gespannt warte ich auf die Rückmeldung, hab ein gutes Gefühl, aber trotzdem sind Erleichterung und Freude riesengroß, als ich Fawns wundervollen Kommentar lese:

Christine Piontek, Kommentar von Fawn Arnold zur bestandenen Abschlussprüfung in der Online-Gesangsschule SOAOGS Blog Text Storytelling

Ich bin so glücklich!

„FREU FREU FREU!“

Ein geschnittenes Video unseres Klassensongs, in dem wir das Lied dann alle „zusammen“ singen, werden wir auf unserer Abschlussfeier zu sehen bekommen, verspricht Fawn. Und schon setzt erneut Freude und Aufregung ein. Denn eine Abschlussfeier bedeutet, dass wir uns nun „richtig“ treffen werden, live, in Farbe und 3D!

Mitte Oktober 2018 fahre ich also mit Flattern im Herzen und Vorfreude im Bauch nach Stuttgart. Und tatsächlich: Es gibt sie wirklich! Eine(r) nach dem anderen betreten meine Mitsängerinnen und Mitsänger den festlich geschmückten Raum, und allen geht es wie mir: Da ist ein bisschen Staunen, dass man sich nach einem Jahr plötzlich „in echt“ gegenübersteht, und Freude, alle nun nicht mehr nur „virtuell“, sondern auch leibhaftig in die Arme schließen zu können. Keiner hat sein Gegenüber zuvor getroffen und doch kennen wir uns, irgendwie, sehr gut. Der kurze Moment des Fremdelns ist entsprechend schnell vorüber.

„Das schaffst du!“

Wir verbringen einen wunderschönen Abend. Fawn versteht es auch jetzt, noch einmal das Besondere eines jeden Schülers zu würdigen, und alle, die möchten, dürfen etwas singen… Vorsingen ohne Angst, sozusagen. Das erweist sich als Herausforderung, denn nicht jeder hat schon mal mit einem Mikro in der Hand solo „die Bühne gerockt“ – mich eingeschlossen. Hier gibt es nur eine Chance, die Performance lässt sich vor dem Posten nicht wiederholen… Die neue Situation verunsichert manche ein bisschen, und zugleich ist das, was folgt, stellvertretend dafür, was diese Gruppe ausmacht: Jeder Auftritt wird gefeiert. Keiner ist schlecht. Alle wachsen über sich hinaus und haben Spaß. Und das ist das, was zählt.

„So wie du bist, bist du liebenswert und wunderschön…“

Nach diesen zwölf Monaten geht es weiter. Viele von uns sind in die Absolventengruppe gewechselt. Auch privat tauschen wir uns jetzt mit Nachrichten aus, unterstützen uns, feiern die Erfolge, sprechen uns Mut zu und sind einfach füreinander da. Schon jetzt ist ein nächstes Treffen geplant. Und so war die SOAOGS am Ende noch viel mehr als „nur“ Gesangsunterricht. Sie war eine Bereicherung, gesanglich wie menschlich. Sie machte nicht nur Spaß, sondern vor allem auch Mut. Sie schmiedete Freundschaften. Sie war Herausforderung und bestandenes Abenteuer zugleich. Von dieser Erfahrung werden wir ein Leben lang zehren.

Fawn, du hast hier so viel mehr geschaffen, als dir wahrscheinlich im ersten Moment bewusst war. Du hast unsere Stimmen entdeckt, gefördert und zum Klingen gebracht. Und du hast uns als Individuen in der Gruppe wachsen lassen. Dein erster Abschlussjahrgang dankt dir dafür. Von ganzem Herzen!

6 Comments

  1. Antworten
    Claudia Brendel 20. Oktober 2018

    Mir ist ganz warm ums Herz geworden. Das ganze Jahr beim Lesen nochmal Revue passieren zu lassen, war einfach berührend. Du hast es wundervoll beschrieben und uns allen denke ich aus dem Herzen gesprochen. Liebe Christine, ein großes Dankeschön dafür.

    • Antworten
      Christine Piontek 20. Oktober 2018

      Liebe Claudia, ich freue mich immer, wenn ich mit meinen Texten Emotion transportieren kann. Ich danke euch allen, ihr wart und seid eine Bereicherung und Inspiration, ohne die es diesen Artikel nicht geben würde!

  2. Antworten
    Bianca 19. Oktober 2018

    Klasse geschrieben liebe Christine! Und ich kann wirklich jedes Wort bestätigen und unterstreichen! Es war ein tolles Jahr!! 😘

    • Antworten
      Christine Piontek 19. Oktober 2018

      Danke, Bianca. Das war es wirklich. Und wir machen weiter!!!

  3. Antworten
    Fawnie 19. Oktober 2018

    So TOLL geschrieben liebe Christine! Du bist so begabt mit Worten! (als auch mit singen) . Ich fühle mich so geehrt dich als Schülerin gehabt so haben. Einzigartig und Wunderschöööööön!

    • Antworten
      Christine Piontek 19. Oktober 2018

      Ich danke dir von Herzen, liebe Fawn, für diese Worte und für alles, was du für uns getan hast. Ich freue mich, dass unsere gemeinsame Reise noch nicht vorbei ist!

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